Neuroaffective meets Integral2021-02-18T13:41:59+01:00

Neuroaffective meets Integral

Ein neuer Zugang zum Ich-Innen im Wechselspiel mit Ich-Außen

von Karin Intveen

Als ich 2010 das NARM®-Modell kennenlernte, war ich fasziniert von der Leichtigkeit, Selbstverständlichkeit und Wertschätzung mit der NARM® die Komplexität des menschlichen Innenlebens und die Wirkung von Bindungs- und Entwicklungstrauma auf Themen wie Selbstregulierung, Identität und Selbstwertgefühl erklärt. Und bin es heute mehr denn je. Seit 2013 bin ich Mitglied des Lehrteams von Dr. Laurence Heller, dem Begründer von NARM®, und konnte so dieses so kostbare Wissen als zugleich Lernende und Lehrende erst verstehen und erfahren, dadurch mehr und mehr verkörpern und heute leben. Und so ist NARM® für mich schon lange keine Methode mehr, sondern eine Haltung zum Leben an sich.

Damals hatte ich noch nichts gehört von einem Integralen Weltbild, von 4 Quadranten, von denen einer Ich-Innen und ein anderer Ich-Außen heißt, und es würde auch noch viele Jahre dauern, bis das Buch von Frederic Laloux meinen Weg kreuzen sollte. Und doch war ich mir vom ersten Moment an sicher: besser zu verstehen, wie nachhaltig und tief prägend unsere frühen Lebensjahre für unser späteres Leben, Lieben und Arbeiten sind, ist der Schlüssel um die Welt zu einem lebenswerteren Ort zu machen. Denn dieser Schlüssel eröffnet ungeahnte Möglichkeiten der Bewusstseinsentwicklung und Potentialentfaltung.

Die Herausforderung

Wie aber können Coaches, Führungskräfte und Organisationsentwickler ein Modell, das bisher ausschließlich in der Therapie zur Heilung von Bindungs- und Entwicklungstrauma eingesetzt wird, in ihrem Alltag nutzen und anwenden? Wie kann das Verständnis von biologische bedingten Grundbedürfnissen und seit der Steinzeit in uns wirkenden Reflexen Qualität, Ergebnisse und Effizienz von Gesprächen, Prozessen, Meetings & Co. verbessern? Und wie kann ein Crossover aus Neurobiologie, Bindungsforschung und Achtsamkeit im Angesicht von Excel, PowerPoint, Jahresergebnissen und Zielen uns helfen, entscheidungsfreudig und innovativ zu bleiben?

Ein Großteil der Antwort liegt bereits im Integralen Weltbild verborgen und daher macht die Integration von NARM® und dem neuroaffektiven Ansatz vor allem eins: Sinn.

Die Voraussetzung für ein gesundes, kraftvolles und tragfähiges Grün

Im Integralen Weltbild steht die Farbe „Grün“ für Miteinander, für zwischenmenschliche Beziehungen, Achtsamkeit und Empathie, Potenzialentfaltung, Gleichwertigkeit und

Nachhaltigkeit und Sinnorientierung. Kraftvolle Worte und legt man die 5 organisierenden Prinzipien Kontakt, Einstimmung, Vertrauen, Autonomie und Liebe aus dem NARM®-Modell daneben, schimmern bereits die ersten Parallelen durch.

Denn die Fähigkeiten, …

… zu ruhigem, klaren Kontakt mit den eigenen Gedanken, Emotionen und Empfindungen und zu wirklichem Kontakt mit anderen,

… eigene Bedürfnisse und Emotionen eingestimmt, wertfrei und neugierig wahrzunehmen, zu äußern und für Körper und Geist Nährendes zu suchen und an- und aufzunehmen,

… zu gesundem Vertrauen in andere und die Kapazität, Schwächen und Nicht-Wissen einzugestehen,

… angemessene Grenzen zu setzen und ohne Angst, Scham und Schuldgefühle seine Meinung und auch mal nein zu sagen,

… mit einem offenen Herzen zu leben und zu lieben,

sind die Voraussetzung für ein gesundes, kraftvolles und tragfähiges Miteinander auf Grün. Und damit für die individuelle und kollektive Weiterentwicklung ins Gelb (Intuition – bewusstes, verantwortliches Sein in der Evolution, Intuition, Hirn-Herz-Kohärenz, in Resonanz sein, die Integration vorangegangener Wertebenen).

Nur war die Hinwendung zu den 5 biologisch bedingten Grundbedürfnissen bisher auf das Privatleben beschränkt und wurde im Business bestenfalls belächelt.

Es braucht eine neue Perspektive im Coaching

Coaching wie wir es heute im Business vielfach erleben, wurzelt zumeist (zu) sehr in einer orangenen Sichtweise: Es geht um Selbstoptimierung, Schwächen ausmerzen, Ziele erreichen, Vorsprung ausbauen, mehr Leistungsfähigkeit, Effizienz, Flexibilität und damit das Versprechen von mehr Erfolg und mehr Anerkennung. Checklisten, Verhaltenstipps & Co. suggerieren, dass alles möglich ist, wenn man es nur will und genug maskuline Entschlossenheit zeigt.

Zweifel und Verletzlichkeit werden hinter einer Maske versteckt, Rationalität wird mehr als alle anderen Formen von Intelligenz wertgeschätzt und feminine (also fürsorgliche, hinterfragende, einladende) Aspekte sind ebenso wie spirituelle Anteile des Selbst nicht erwünscht, fehl am Platz und hinderlich auf dem Weg nach Oben.

Der Sprung von Orange auf Grün

Die Weltsicht auf der orangenen, also der modernen leistungsorientierten Bewusstseinsstufe ist durch und durch materialistisch – nur was man sehen und berühren kann, ist real. Auf Orange fällt es Menschen schwer, etwas zu glauben was empirisch nicht bewiesen oder beobachtet werden kann. Tiefe seelische Fragen oder gar die Frage nach Gefühl erlebt das Ego als Störung oder sogar Schwächung seiner Dominanz, sieht es sich doch so gerne als Garant für auf Leistung und Willen basierten Erfolg.

Und so wirkt durch die orangene Brille betrachtet all das, wofür Grün steht, nämlich Konsens, Mitgefühl, Vertrauen & Co. wie eine in den Meetingraum verlagerte Selbsthilfegruppe und löst vor allem eines aus: Fluchtimpulse die sich tarnen als (berechtigte) Zweifel, Widerstand, Sabotage und Rückzug.

Die Suche nach Ganzheit und Stimmigkeit

Nur es ist unübersehbar geworden, wie sehr wir Menschen uns durch unser modernes Leben von unserer wahren Natur getrennt haben. Wir …

… feiern den Verstand und vernachlässigen und missachten unsere Körper.

… verehren das männliche und schätzen das weibliche in uns gering.

… haben das Gefühl für uns und unsere Umgebung und die uns innewohnende Verbundenheit mit der Natur verloren.

… haben uns daran gewöhnt, dass unser geschäftiges, lautes Ego die Stimme der Seele übertönt.

Immer mehr Menschen wird das bewusst und es wird immer schwieriger, den Druck und die Leere zu verdrängen oder zu verleugnen.

Das wahrzunehmen, löst eine tiefe Sehnsucht und Suche nach Ganzheit, Stimmigkeit, Entschleunigung und Sinn aus. Und das nicht allein im Privaten, sondern mehr und mehr auch im Beruflichen.

Der neuroaffektive Ansatz und sein integrales Potential für Menschen & Organisation

Während im Coaching zumeist ein starker Fokus auf der Lösung von Problemen und dem Beseitigen von dem, was nicht gelingt liegt, lenkt der neuroaffektive Ansatz den Blick auf vorhandene innere und äußere Ressourcen, um die Ausbildung einer zunehmenden Selbstregulierungsfähigkeit zu unterstützen.

So unüberschaubar die Bandbreite der Dinge, die einem den Schlaf rauben wirken mag, als Kern der meisten Probleme lässt sich immer wieder eine Störung im Hinblick auf eines oder mehrere organisierende Themen in Verbindung mit diese fünf Entwicklungsthemen, in NARM® Überlebensstrategien genannt, beobachten.

Anfänglich stellen diese Überlebensstrategien eine geglückte Anpassung an bestehende Gegebenheiten dar – sie sind also im Ursprung nicht etwa dumm oder unangemessen, sondern stehen für Erfolg. Da unser Gehirn jedoch auf Vergangenes zurückgreift, um die Zukunft zu prognostizieren, bleiben diese „Erfolgsstorys“ fest in unserem Nervensystem und unserer Identität gespeichert. Überdauern sie jedoch auch noch dann, wenn sie keinen Nutzen mehr haben, so stören sie dauerhaft den Kontakt zu sich selbst und zur eigenen Umgebung.

Warum ist diese gehirngerechte Gesprächsform so wirksam?

Der neuroaffektive Ansatz schafft die Verbindung zwischen unserer frühen Bindung und damit der Welt, in die wir einmal geboren wurden und unserer Persönlichkeit im Hier und Jetzt her sowie den in jedem von uns schlummernden Talenten und Potentialen.

Diese ressourcenorientierte, sanfte und wertschätzende Herangehensweise vermittelt einerseits Bewusstheit für jene Teile des Selbst, die aus welchen Gründen auch immer, momentan eher unorganisiert und in ihrem Potential eingeschränkt erscheinen. Gleichzeitig nutzen wir im Neuroaffektiven die aktuellen Erkenntnisse der Neurobiologie und bringt diese, eingebettet in einen organischen Prozess, mehr und mehr mit den Teilen des Selbst in Kontakt, die organisiert, kohärent und kraftvoll sind.

Das tiefe Verständnis, wie wir zu dem Menschen wurden, der wir heute sind, weist einen sanften Weg raus aus alten Gedanken- und Verhaltensmustern, ohne dabei den Fokus auf die Vergangenheit zu legen. Der besondere Charme liegt darin, dass die Vergangenheit eines Menschen zwar nicht ignoriert wird, der Fokus jedoch deutlich auf heutigen Stärken, Fähigkeiten, Ressourcen und der Resilienz liegt.

Es geht wenig bis kaum darum, warum jemand ist, wie er oder sie ist. Daher braucht es auch kein monate- oder gar jahrelanges Analysieren der Vergangenheit. Vielmehr steht die Frage im Vordergrund, wie früh im Leben erlernte (Überlebens-)Strategien und (Bindungs-)Muster das Erleben des derzeitigen Moments nach wie vor verzerren und beeinflussen – und das in allen Lebensbereichen, also auch darin, wie wir zusammen arbeiten, führen, Teams bilden, Herausforderungen meistern, mit Stress und Druck umgehen, welchen Job wir uns suchen und zu welchen Jobs wir uns hingezogen fühlen.

Damit sage ich nicht, dass das Warum der persönlichen Lebensgeschichte grundsätzlich nicht in den Prozess eingebunden wird. Nachzuvollziehen, wie bestimmte Denk- und Verhaltensmuster begannen, kann durchaus hilfreich und entlastend sein. Aber:

Verstehen und Wissen alleine reicht nicht aus, um alte Muster wirksam aufzulösen

Denn wir sind heute nicht X, weil wir irgendwann einmal Y erlebt haben. Wir Menschen sind nun einmal keine mathematischen Gleichungen und es gibt nicht den einen Auslöser und wenn man den gefunden und verstanden hat, wird alles gut. Es ist vielmehr das, was wir an Bedeutungen und Schlussfolgerungen aus dem damaligen Erlebnis über uns und unsere Umgebung mitgenommen haben – und wie all das heute noch in uns weiterwirkt, vielleicht als innerer Kritiker, Antreiber, Saboteur & Co. Die zentrale Frage der neuroaffektiven Arbeit

“Was hält mich jetzt in diesem Moment davon ab, im Hinblick auf mich selbst und andere präsent zu sein und mein Potential zu entfalten?”

lädt zu achtsamer Selbstbeobachtung im gegenwärtigen Moment ein. Die Antwort auf diese Frage wird auf einer oder mehreren der folgenden Ebenen erkundet: der kognitiven, der emotionalen und der des Nervensystems. So kann nichts übersehen werden und du erreichst dein Ziel mit einem klaren Kopf UND einem guten Gefühl im Bauch.

Neugierig geworden? Dann hier ein paar Lesetipps